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Der Handel gibt Gas beim Nutri-Score in Deutschland

Der Nutri-Score nach französischem Vorbild kommt nach Deutschland. Das Engagement großer deutscher Händler bei ihren Eigenmarken erhöht den Druck auf die Markenartikel-Hersteller, das Nährwertlabel zu nutzen. In Frankreich ist der Handels-Primus E.Leclerc Vorreiter.

Der flächendeckenden Nutzung des Nutri-Scores in Deutschland auf verpackten Lebensmitteln steht nichts mehr im Weg. Die Verordnung zum Nährwert-Label ist im November 2020 in Kraft getreten. Somit können Handelsunternehmen und die Markenartikel-Industrie das Lebensmittel-Kennzeichen nach französischem Vorbild ab sofort rechtssicher in Deutschland verwenden. 

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Der Nutri-Score soll Verbrauchern als Orientierung dienen und helfen, gesündere Lebensmittel auf einen Blick zu erkennen. Dieser Plan scheint aufzugehen: Neun von zehn Shopper in Deutschland finden das neue Nutri-Score-Logo gut, hat eine repräsentative Umfrage der Unternehmens-Beratung PwC Deutschland ergeben. Rund 85 Prozent der Befragten sprachen sich in der Umfrage sogar dafür aus, alle verarbeiteten Lebensmittel und Getränke verpflichtend zu kennzeichnen. Bisher ist der Einsatz des Nutri-Scores in Deutschland jedoch freiwillig.

 

In Märkten der deutschen Rewe-Gruppe finden Verbraucher den Nutri-Score bei einzelnen Produktgruppen im Tiefkühl-Regal sowohl auf Produkten von Iglo als auch der Private-Label-Range „Rewe Beste Wahl“. (Foto: Retail Optimiser)
In Märkten der deutschen Rewe-Gruppe finden Verbraucher den Nutri-Score bei einzelnen Produktgruppen im Tiefkühl-Regal sowohl auf Produkten von Iglo als auch der Private-Label-Range „Rewe Beste Wahl“. (Foto: Retail Optimiser)

Pioniere waren auch vor dem offiziellen Start in Deutschland internationale Lebensmittelkonzerne wie Danone, Iglo, Bonduelle und Nestlé oder auch mittelständische Unternehmen wie Harry-Brot, Agrarfrost oder Rübezahl Schokoladen. 

Mit Kaufland, Norma sowie der Rewe Group im Vollsortiment und bei Penny kennzeichnen auch bedeutende Händler in Deutschland Teile ihrer Eigenmarken-Linien bereits mit dem Nutri-Score aus. Die großen Discounter Aldi Nord und Süd sowie Lidl stehen in den Startlöchern. 

Obwohl die Kennzeichnung freiwillig ist, erhöhen die Händler damit auch den Druck auf die Markenartikel-Industrie, das Siegel auf ihre Produkte zu bringen. Schließlich kann der Nutri-Score nur dann Orientierung im Regal auf der Fläche oder im Online-Shop bei der Lebensmittelauswahl innerhalb einer Produktgruppe schaffen, wenn möglichst viele Lebensmittel gekennzeichnet sind. 

Auch von der Politik werden Appelle an die Hersteller herangetragen, die Nutri-Score-Kennzeichnung freiwillig zu nutzen. “Ich habe die klare Erwartung an die Unternehmen, dass sie die Kennzeichnung nutzen“, sagte Ernährungsministerin Julia Klöckner vor Medienvertretern.

 

Nährwertlabel des französischen Gesundheitsministeriums

Der Nutri-Score soll für den Verbraucher Orientierung bei der Lebensmittelauswahl schaffen. Die Nährwerte von Lebensmitteln innerhalb einer Produktgruppe können auf einen Blick miteinander verglichen werden. Der auf der Verpackung aufgedruckt Score weist auf einer 5-stufigen Farb-Skala von A (dunkelgrün) bis E (dunkelrot) für jedes Lebensmittel einen Nährwert aus. Die erzielte Bewertung ist jeweils besonders hervorgehoben. 

Dazu werden Energiegehalt sowie ernährungsphysiologisch günstige und ungünstige Nähr- und Inhaltsstoffe – basierend auf einem mit wissenschaftlichen Erkenntnissen ermittelten Algorithmus – miteinander verrechnet. Negativ bewertet werden dabei beispielsweise hohe Mengen an Zucker, Fett und Salz – positiv ins Gewicht fallen dagegen Ballaststoffe und Proteine sowie Obst, Gemüse und Nüsse. Der Nutri-Score ist eine Ergänzung zu den gesetzlich vorgeschriebenen Angaben wie Zutatenliste und Nährwerttabelle.

Die Nutzung des Nährwert-Labels ist für die Hersteller von Lebensmitteln kostenfrei. Es ist lediglich eine Anmeldung und die Zustimmung zu den Nutzungsvereinbarungen bei der französischen Markeninhaberin, der Santé publique France, einer Behörde im Geschäftsbereich des französischen Gesundheitsministeriums, erforderlich. Die Behörde erteilt nach Prüfung das Recht zur Verwendung des Nutri-Score-Logos. Beschließt ein Unternehmen, das Logo für eine oder mehrere seiner Marken zu verwenden, ist es verpflichtet, es für alle Kategorien von Produkten zu nutzen, die es unter seinen für den Nutri-Score registrierten Marken in den Verkehr bringt. 

Foto: Retail Optimiser
Nachdem der Bundesrat im November 2020 zugestimmt hat, kommt die aus Frankreich stammende Nährwertkennzeichnung Nutri-Score in die Regale deutscher Händler. (Foto: Retail Optimiser)
Foto: Retail Optimiser
(Fotos: Retail Optimiser)

 

E.Leclerc fordert Nutri-Score auf allen Produkten 

In Frankreich sind Handelskonzerne und die Markenartikel-Industrie bereits einen Schritt weiter bei der Nutri-Score-Kennzeichnung auf verpackten Lebensmitteln. Denn Frankreich hat den Nutri-Score bereits 2017 erfolgreich auf freiwilliger Basis eingeführt. Grund dafür waren für Politik, Handel und Markenartikel-Industrie auch die veränderten Wünsche der Verbraucher, die sich mehr Informationen zu Lebensmitteln wünschen.

Dies hat auch die Studie Food Transparency von OpinionWay und Alkemics aus dem Jahr 2019 gezeigt. Kernergebnisse der Studie sind:  83 Prozent der Shopper suchen vor dem Kauf eines Produktes nach Informationen. Gleichzeitig empfanden aber über 60 Prozent der Verbraucher die Kennzeichnungen auf Produkten als unvollständig, nicht präzise und transparent genug. Auch deshalb hat sich das französische Handels-Unternehmen E.Leclerc dazu verpflichtet, auf allen Produkten den Nutri-Score sichtbar zu machen und mit dieser erweiterten Kennzeichnung für mehr Transparenz auf allen verpackten Lebensmitteln seines Sortiments zu sorgen. Begonnen hat der Händler diesen Prozess mit seinen Eigenmarken. 

Für E.Leclerc sind dafür aktuelle, konsistente und fehlerfreie Produktdaten eine wichtige Voraussetzung. In der Vergangenheit hatte der französische Handels-Primus Probleme, Produktdaten von tausenden von Lieferanten zu sammeln und konsistent, stets aktuell und fehlerfrei bereitgestellt zu bekommen. Aufgrund ihrer schlechten Qualität mussten die Daten häufig aufwändig angereichert werden. Um dieses drängende Problem nachhaltig zu lösen, setzt E.Leclerc mittlerweile auf die Lösung von Alkemics. 

Dem Händler ist es mit Alkemics gelungen, innerhalb von nur sechs Monaten 2.000 Lieferanten aller Unternehmensgrößen auch solche, die noch am Anfang der Digitalisierung ihrer Prozesse stehen dazu zu bringen, ihre Produkt- und Preis-Informationen konsistent auf der Plattform zur Verfügung zu stellen. Für jedes Produkt füllt der Hersteller mehr als 150 Felder aus. 

Das Nutri-Score-Label können Unternehmen in der Alkemics-Plattform für jedes einzelne Lebensmittel automatisiert ermitteln lassen und direkt mit dem Händler teilen. So hilft Alkemics auch kleinen und mittelständischen Herstellern dabei, den Nutri-Score zu berechnen. Bei 68 Prozent aller in der Alkemics-Plattform enthaltenen Markenartikel-Herstellern die mit E.Leclerc arbeiten, ist das Feld für den Nutri-Score ausgefüllt und mit dem Handelsunternehmen geteilt. So hilft Alkemics dem französischen Handels-Primus dabei, sein Ziel zu erreichen, alle Produkte mit dem Nutri-Score zu kennzeichnen. Für den Shopper in den stationären und digitalen Vertriebslinien von E.Leclerc wird damit ein echter Mehrwert durch Transparenz bei der Lebensmittel-Auswahl geschaffen.  

 

Nutri-Score beflügelt auch andere französische Einzelhändler 

Neben E.Leclerc sammeln noch 12 weitere französische Einzelhandels-Unternehmen mit Hilfe der Alkemics-Plattform Nutri-Score-Daten ihrer Lieferanten. Sobald ein wünschenswerter Nutri-Score für den Verbraucher beim Einkaufen im Store oder Online-Shop sichtbar wird, beflügelt das den Abverkauf, zeigt eine Nielsen Studie. Können Hersteller von verpackten Lebensmitteln einen Nutri-Scores im Bereich von A und B auf ihrem Produkt vorweisen, steigern dies den Abverkauf: um 1,0 Prozent bei einem Score von A und um immerhin 0,8 Prozent bei einem Score von B.

Der positive Einfluss auf den Umsatz eines Produktes mit einem gewünschten Nutri-Score ist im E-Commerce sogar noch höher als in physischen Geschäften, belegt eine weitere Nielsen-Studie. Dies wird die Markenartikel-Industrie und die Einzelhandels-Gruppen weiter motivieren, gesunde Produkte herzustellen und sollte den Einsatz des Nährwert-Labels in Frankreich und in Deutschland weiter beflügeln.

 

Einheitliche EU-Lösung dennoch unrealistisch

Neben Frankreich und Deutschland setzt auch Belgien bereits auf die Nährwert-Kennzeichnung. Andere EU-Staaten wie Luxemburg, Spanien und die Niederlande planen oder diskutieren ebenfalls eine Einführung des Nutri-Scores. 

Dies ist besonders praktisch für Unternehmen, die ihre Produkte bereits im französischen Markt kennzeichnen, denn sie können den Nutri-Score auch auf ihren Produkten für den deutschen und belgischen Markt abbilden. Möglicherweise demnächst auch auf Produkten für die Märkte in Luxemburg, Spanien oder den Niederlanden. 

Berlin und die EU-Kommission streben eine EU-weite Einführung des Nutri-Scores an. Von einer einheitlichen Kennzeichnung ist die EU dennoch weit entfernt. Zu stark ist der Widerstand aus Italien und den mittel- und osteuropäischen Staaten wie Griechenland, der Tschechische Republik, Lettland, Ungarn, Zypern und Rumänien gegen das Modell à la française, glaubt der Lebensmittelverband Deutschland.

 

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Annette Böhm

Annette Böhm  ist seit über 20 Jahren auf die Entwicklung und Steuerung von Marketing-Kampagnen mit den Zielgruppen Einzelhandel und Konsumgüterindustrie spezialisiert. Die Lead-Generierung und Kundenbindung durch digitale Inbound-Marketing-Kampagnen ist ihr Spezialgebiet. Sie ist Expertin für Social-Media- und E-Mail-Marketing und beherrscht die einschlägigen CRM-Systeme und Marketing Automation Tools.
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