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Roboter haben Erfolg mit RFID

Roboter übernehmen Routineaufgaben bei Handelsunternehmen, die alle Produkte auf der Verkaufsfläche mit RFID ausgezeichnet haben. Neben den Adler Modemärkten hat sich nun auch der französische Sportartikelhändler Decathlon dafür entschieden, in Deutschland zukünftig den Inventurroboter Tory RFID von MetraLabs zur automatischen Bestandserfassung in mehr als zwölf Filialen einzusetzen.

Auch in den USA hatte Decathlon Roboter zur Bestandserfassung eingesetzt, dort mit Geräten von Simbe Robotics. Decathlon hat sein Filialgeschäft in den USA jedoch inzwischen aufgegeben und vertreibt seine Waren dort nur noch online und über Handelspartner.  

In Deutschland sollen ab Juni 2022 unter anderem in Plochingen, Würzburg, Unterföhring und Berlin Alexanderplatz RFID Roboter die Inventur in der Filiale übernehmen, teilte Decathlon dem Retail Optimiser auf Anfrage mit.

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Reduziert Überbestände und Regallücken

Dadurch sollen die Mitarbeiter von Routineaufgaben entlasten werden und mehr Zeit für die Beratung der Kunden haben. Bestellungen werden durch die genaueren Daten verlässlicher ausgelöst sowie Überbestände und Regallücken reduziert. Vorab wurde die Technik bereits in Belgien getestet und validiert sowie in einem Pilotstore in Ludwigshafen eingesetzt.

In Deutschland betreibt Decathlon derzeit 84 Filialen. Im Vergleich zu anderen Ländern des Sportartikelhändlers, die alternativ die Inventur mittels Deckenantennen durchführen, hat sich der Einsatz von Tory in Deutschland für Stores ab einer Fläche von mehr als 2.000 Quadratmetern als kosteneffizienter herausgestellt.

RFID-Roboter beschleunigen den Inventurprozess

Die RFID-Technologie wird bei Decathlon bereits seit 2009 weltweit für die Bestandsüberwachung eingesetzt und ermöglicht unter anderem auch Self-Checkouts, die völlig ohne Barcodescanning funktionieren. Bisher wurden die RFID-Etiketten in den Filialen durch die Mitarbeiter mittels so genannter Rackets erfasst. Zukünftig wird die automatisierte Bestandsermittlung durch den Einsatz der Robotertechnik bis zu 10-mal schneller erfolgen können. Beispielsweise benötigt Tory in der Filiale Ludwigshafen für eine Fläche von 4.300 Quadratmetern und 93.000 Produkten nur dreieinhalb Stunden und kein Personal.

Tory fährt durch die Filiale und scannt die Artikel mit Hilfe von 16 RFID-Antennen, die in verschiedenen Winkeln auf dem Roboter angeordnet sind. Das hat nach Angaben von Decathlon Deutschland den Vorteil, dass die exakte Position der RFID-Etiketten auf der Ware weniger wichtig ist, da sie flexibel erfasst werden können. Tory sendet ein elektromagnetisches Feld und erhält von jedem RFID-Tag eine eindeutige Information zurück. Die Veränderung im Feld wird registriert und die Daten über eine Schnittstelle an das angebundene Warenwirtschaftssystem übermittelt.

Verfügbarkeit braucht korrekte Bestände

So können die prognostizierten und tatsächlichen Bestände tagesaktuell angezeigt und die Abweichungen durch die Mitarbeiter geprüft werden. „Unser wichtigster Indikator für den Erfolg des Projekts ist die Verfügbarkeit unserer Produkte. Diese liegt in der Filiale Ludwigshafen seit dem Start des Tests um fünf Prozent höher als in vergleichbaren Decathlon Filialen.” so Sven Neuheisel, Projektleiter für den RFID-Roboter bei Decathlon Deutschland in einer Pressemitteilung.

Der Großteil des Sortiments von Decathlon besteht derzeit aus 75 Eigenmarkenlinien, die in der Regel schon während des Produktionsprozesses mit RFID Etiketten versehen werden. Bei landesspezifischen Sortimentsbausteinen wird eine RFID-Etikettierung für eine Zusammenarbeit nicht vorausgesetzt, aber gemeinsam mit dem Lieferanten an Lösungen gearbeitet, um die Tags vor der Ankunft in den Logistikzentren oder Filialen von Decathlon in die Produkte zu integrieren.

Decathlon Deutschland setzt auf MetraLabs

Mit der Roboterlösung Tory von MetraLabs hat Decathlon Deutschland nach eigenen Angaben eine langfristige und flexible Roboterlösung gefunden, die bestmögliche Scanergebnisse liefert und technisch an die Bedürfnisse der Stores angepasst ist. Des Weiteren waren die guten Erfahrungen mit MetraLabs in anderen Decathlon Ländern sowie die räumliche Nähe für eine weitere Zusammenarbeit ausschlaggebend.

Tory ist vom TÜV zertifiziert, fährt bis zu acht Stunden mit einer Maximalgeschwindigkeit von einem Metern pro Sekunde vollständig autonom, bevor er für zwei bis drei Stunden an der Ladestation pausieren muss. Obwohl der Roboter Dingen und Personen durch 3D-Hindernisvermeidung eigenständig ausweichen kann, hat sich Decathlon dafür entschieden, die Inventur vollautomatisiert außerhalb der Öffnungszeiten durchzuführen.

Die Einsatzzeiten von Tory können durch die Mitarbeiter manuell programmiert werden, so dass die Daten zu Schichtbeginn zur Verfügung stehen. Die Mitarbeiter können auch Änderungen an der Navigationskarte des Roboters vornehmen, wenn zum Beispiel der Store zu Beginn einer Saison umgebaut und mit neuen Produkten bestückt wird.

Tory RFID arbeitet ohne Kameratechnik und kann auch im Dunkeln fahren. Für die Hindernisvermeidung werden Laserscanner und Tiefensensoren eingesetzt. Optional können Kameras nachgerüstet werden, um 360-Grad-Bilder des Stores aufzunehmen, die man auch mit einer Virtual-Reality-Brille betrachten könnte.

Artikel können mit RFID eindeutig zugeordnet werden

Der Roboter kann RFID Tags bis zu einer Reichweite von bis zu fünf Metern erkennen. Die tatsächliche Reichweite je nach Händler abhängig von den verwendeten Chips, deren Lage und der Einsatzumgebung. Tory erfasst zunächst den RFID Tag des Artikels und dessen Standort. Jeder Artikel wird durch eine eindeutige Nummer auf dem RFID-Tag bei der Bestandsaufnahme identifiziert.

Mit dem EPC-RFID Etikett kann bei Decathlon jeder einzelne Artikel eindeutig erfasst und zugeordnet werden. (Foto: Decathlon)
Mit dem EPC-RFID Etikett kann bei Decathlon jeder einzelne Artikel eindeutig erfasst und zugeordnet werden. (Foto: Decathlon)

Standardmäßig wird im Modebereich auf einem RFID-Chip der Electronic Product Code (EPC) gespeichert, der nach dem GS1-Standard kodiert ist. Darin enthalten sind unter anderem die EAN13-Artikelnummer, weitere Händler-spezifische Daten und eine Seriennummer des Produkts. Durch die Zuordnung der Nummern in der Datenbank werden die Artikel auch nach Größe und Farbe identifiziert.

Auch andere Händler nutzen Roboter von MetraLabs

Neben Decathlon haben nur wenige weitere Händler, darunter Zara, Gerry Weber und die Adler Modemärkte ihren gesamten Warenbestand mit RFID-Etiketten ausgestattet. Auch die Adler Modemärkte testen das Modell Tory RFID von MetraLabs in einigen Stores seit Dezember 2015 und haben es 2021 in allen Filialen eingeführt. Der inzwischen aus dem Unternehmen ausgeschiedene Roland Leitz sagte zu seiner Zeit als Bereichsleiter IT der Adler Modemärkte: „Dank Tory können wir kontinuierlich unsere Bestände präzise erfassen und frühzeitig Bestellungen ausführen. Das verbessert unsere Planung wesentlich und spart uns Zeit und Kosten.“

Auch Kmart Australia hat sich jüngst dafür entschieden, diesen Roboter zur Bestandsüberwachung in seinen Stores in Australien und Neuseeland einzusetzen. Die Warenhauskette, die zur australischen Handelsgruppe Wesfarmers, gehört, setzt in seinen 323 Stores in Australien und Neuseeland ebenfalls RFID am Einzelprodukt ein.

Roboter mit Bilderkennungssoftware

Anders als bei Handelsunternehmen, die RFID am Einzelprodukt einsetzen, haben die Roboter weniger Erfolg bei solchen, die, wie der gesamte Lebensmittel-Einzelhandel, kein RFID an den Artikeln haben und voraussichtlich auch nicht flächendeckend einführen werden.

Einige Handelsunternehmen, die kein RFID am Einzelprodukt einsetzen, experimentieren mit Robotern, die Bilderkennungssoftware nutzen, um die Mitarbeiter im Verkauf von Routinearbeiten zu entlasten. Der Einsatz der Roboter beschränkt sich hierbei darauf, Regallücken zu erfassen und Abweichungen von Planogrammen in der Platzierung zu erkennen.

Der Roboter Tory Shelf nutzt Kameratechnik, um Regallücken aufzustöbern. (Foto: MetraLabs)
Der Roboter Tory Shelf nutzt Kameratechnik, um Regallücken aufzustöbern. (Foto: MetraLabs)

Durch die Kameratechnik kann in der Regel nur das vorderste Facing von Produkten im Regal erfasst werden und nicht der gesamte Bestand. Für die Inventur ist diese Technologie daher nicht geeignet. Zudem besteht die Möglichkeit, anstelle von Robotern Kameras am gegenüberliegenden Regal einzusetzen, um die Facings stets im Blick zu behalten.

Wie der Retail Optimiser berichtete, testete der Primus des US-Einzelhandels Walmart von 2017 bis Ende 2020 in 500 Filialen den Einsatz von Inventurrobotern des Start-Ups Bossa Nova Robotics auf der Fläche, entschied sich dann aber dagegen, da aus Unternehmenssicht Mitarbeiter die Aufgaben ebenso gut und effizient erledigen können. Während die Mitarbeiter Artikel für Online-Kundenbestellungen zusammenstellen, können sie gleichzeitig Bestandskontrollen am Regal durchführen. Darüber hinaus fürchtete das Unternehmen negative Kundenreaktionen auf den Einsatz von Robotern auf der Verkaufsfläche.

Auchan Portugal testete das Modell Tory Shelf, ebenfalls von MetraLabs, in einem Store in Alfragide bei Lissabon, wie der Retail Optimiser berichtete. Er erstellt mithilfe von Kameras und einer maximalen Laufzeit von 12 Stunden selbstständig hochaufgelöste Bilder ganzer Regalreihen. Diese werden mit der Bilderkennungssoftware des Computer-Vision-Spezialisten Qopius, der inzwischen zu Trax gehört analysiert. Regallücken und Fehlplatzierungen können so angezeigt werden, die dann durch die Mitarbeiter geprüft werden können.

Lidar lenkt Tory

Der Roboter Tory Shelf von MetraLabs orientiert sich an einer Karte, die er bei der Inbetriebnahme erstellt. Veränderungen des Ladenlayouts aktualisiert er eigenständig. Die Daten werden via WiFi- oder LTE in die Cloud übertragen. Bei geringer Bandbreite kann der Roboter diese mit zusätzlichen Grafikprozessoren auch direkt verarbeiten. Ebenso wie bei Tory RFID kann Tory Shelf Hindernissen eigenständig und mit Hilfe von 3D-Technik ausweichen. Er enthält Lidar-Sensoren, die bisher unter anderem in der Automobilindustrie für das autonome Fahren getestet werden. Sie senden Laserstrahlen aus, deren Reflexionen ein dreidimensionales Lichtbild der Umgebung erzeugen. Außerdem enthält er einen integrierten PC sowie einen Computerchip (GPU), der Berechnungen zur Bildwiedergabe besonders schnell durchführen kann.

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Regina Wagner

Regina Wagner verfügt über mehrjährige Berufserfahrung im Einzelhandel und in Unternehmensberatungen. Nach ihrer Ausbildung als Einzelhandelskauffrau im Lebensmittel-Einzelhandel bei Tegut absolvierte sie parallel zu ihrer Tätigkeit in Führungsteams verschiedener Filialen des Unternehmens ein duales Studium zur Betriebswirtin mit der Fachrichtung Handel. Nach ihrer Tätigkeit bei Tegut arbeitete sie als Unternehmensberaterin an nationalen und internationalen Projekten bei Deloitte Consulting. Ihre Beratungsschwerpunkte waren Prozessoptimierung, Projektmanagement und Einkauf. Bei der Edeka Nordbayern-Sachsen-Thüringen war Regina Wagner nach ihrer Zeit bei Deloitte im Bereich Marktforschung und Projektmanagement tätig. Durch ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau verfügt Regina Wagner über fundierte Kenntnisse des Lebensmittel-Einzelhandels.

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